Also gut

Twitter und ich, wir haben uns getrennt. Es lag sicherlich am mir, weniger an ihm, dass es nicht funktionierte. Er forderte viel Aufmerksamkeit, mehr, als ich ihm geben konnte. Mehr, als ich zu geben bereit war. Da sind andere, die waren vor ihm da. Dieses Blog, das passiv-aggressiv seine Vernachlässigung zur Schau stellt. Der Google-Reader, der mir nur zu gerne an die hundert ungelesene Beiträge präsentiert, wenn ich zwei Tage keine Zeit für ihn habe. Und natürlich mein höchst geheimes Privatblog mitsamt seiner Blogroll, die mir schon seit langer Zeit meine etwas spärlichen sozialen Kontakte ein bisschen erweitert.
Also haben wir die Sache beendet. Ich weiß, er wird mich nicht vermissen, er wird von genügend anderen gefüttert. Ab und an werde ich ihn aus der Ferne betrachten und mich fragen, ob ich mir mehr Mühe hätte geben sollen. Das gehört zu Trennungen dazu, nehme ich an.

Musik, die aus den Ritzen zirpt

Vor einigen Tagen ging auf der AIBM-Mailingliste eine Anfrage ein, „ob es Erfahrungen mit der öffentlichen Wiedergabe von Musik in Musikbibliotheken“ gäbe. Der Betreff der E-Mail „Musikbeschallung“, legte die Annahme nahe, dass sich die Frage weniger auf von Bibliotheken ausgerichtete und in ihren Räumlichkeiten stattfindende Konzerte bezog, sondern vielmehr auf das Abspielen von Tonträgern über eine Musikanlage.

Würde ich erstere Variante als durchaus öffentlichkeitswirksam bewerten, erwarte und hoffe ich geradezu, dass Bibliotheken für letzteres eine eiskalte Abfuhr erhalten. Bibliotheken, sowohl Wissenschaftliche als auch Öffentliche, sind Orte des Lesens und Lernens — einzig unterscheidet sie die Zusammensetzung ihres Publikums und damit das Niveau der Lern- und Lesestoffe —, und so verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Bedürfnisse an ihre Lernumgebung. Gerade Öffentliche Bibliotheken, die sich in als „soziale Brennpunkte“ eingestuften Gegenden befinden, sollten der Funktion als Lernort mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie bieten, was viele Kinder daheim nicht haben: Tische, die nicht erst freigeräumt werden müssen, keinen lärmenden Fernseher im Hintergrund, keine streitenden Geschwister oder Eltern. Selbst wenn inzwischen festgestellt wurde, dass Musik beim Lernen durchaus unterstützend wirken kann, so ist es doch kaum möglich, den Geschmack und die Bedürfnisse aller zu treffen. Warum etwas probieren, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist?

Mag sein, dass die Tradition der Stille ein wenig angestaubt wirkt, doch wie die meisten Traditionen hat sie einen Sinn. Kaufhäuser und Supermärkte beschallen ihre Kunden, um sie bei Laune zu halten, ihnen die Zeit nicht lang werden zu lassen, sie zum Schauen zu animieren. Bibliotheken müssen in diesem Sinne keinen Umsatz machen und sie sollten es auch nicht versuchen. Bibliotheken sind Informationsdienstleister, was heute weniger das Liefern bedeutet, als das Selektieren. Bibliotheksbenutzer unterscheiden sich von Supermarktkunden unter anderem dadurch, dass sie sich nicht wegen der physischen Medien an die Bibliotheken wenden — von denen klar ist, dass sie sie nicht dauerhaft behalten werden — sondern wegen der darin enthaltenen Information. So kann es für eine Bibliothek ein größerer Erfolg sein, wenn ein Benutzer mit zwei, drei Kopien statt einem Dutzend Büchern nach Hause geht, denn zum einen ist der Benutzer zufrieden, zum anderen stehen die Bücher, die er nun nicht ausgeliehen hat, anderen Benutzern zur Verfügung. Um jedoch diese Selektion vornehmen zu können, braucht der Benutzer eine Umgebung, in der er sich konzentrieren kann, womit wir wieder bei der Lernumgebung wären.

Mir ist in meinen zwanzig Jahren als Bibliotheksbenutzerin nur eine Bibliothek begegnet, in der Musik spielte. Die Dame an der Verbuchung reagierte patzig, als ich mich dazu äußerte. Ich nehme an, für sie wurde die Bibliothek durch die Berieselung zu einer angenehmeren Arbeitsumgebung, und da weder die elektronische Verbuchung noch das Einstellen nach zig Jahren Berufserfahrung eine intellektuelle Herausforderung darstellen sollten, wird ihre Arbeit darunter auch nicht gelitten haben. Aber wenn der Thekenbereich nicht deutlich abgegrenzt ist von den Regalen und Benutzerarbeitsplätzen, sollte doch auch das Kofferradio während der Öffnungszeiten aus sein, würde ich meinen.

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Die Baustelle in Köln

Creezy weist darauf hin, dass das Werbebanner am Bauzaun ziemlich unpassend ist.

Ich bin hin und weg

Nicht nur durfte ich an der UB der Freien Universität Berlin ein wirklich spannendes Praktikum machen und war schon damals begeistert von den Kursen für Informationskompetenz, die sie dort anbieten, und nun bloggen sie auch noch!

Vom Entsorgen

Beim Anblick des eingestürzten Stadtarchivs hatte ich Tränen in den Augen. So viele Schätze, die jetzt unter einem Haufen von Schutt liegen.
Ich frage mich, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, unter einem solchen Gebäude entlang einen Tunnel zu bauen und komme zu dem Schluss, dass es eine Frage von Prioritäten sein muss: Eine neue U-Bahn-Strecke ist viel wichtiger, kommt viel mehr Menschen zugute, als der olle Plunder, der in dem Archiv lag.
Wir leben nun mal in einer Wegwerfgesellschaft, Altes geht, damit Neues Platz hat. Was weg ist, ist weg und belastet nicht weiter, das sage auch ich mir jetzt, inmitten der Umzugsvorbereitungen. Simplify your life. Im Privaten ist das völlig legitim, für Fehlentscheidungen muss man in der Regel nur gegenüber sich selbst bzw. einem sehr eingeschränkten Personenkreis geradestehen.
Doch wenn öffentliche Einrichtungen entsorgen, sei es nun bewusst oder durch Unglücksfälle wie den gestrigen, zieht das weit mehr nach sich, denn das Entsorgte ist von unschätzbarem Wert. Unschätzbar im Wortsinne: Der Wert lässt sich nicht bestimmen. Es lässt sich kaum vorhersagen, ob etwas, das heute ein Fetzen Papier ist, nicht in zig Jahren als höchst wertvoll betrachtet werden wird — sei es im monetären, im ideellen oder im informationellen Sinne.
Dem sollte Rechnung getragen und kein Risiko eingegangen werden. Es sollte anerkannt werden, dass Unvorhergesehenes geschehen kann und aus bereits Geschehenem sollten Prinzipien abgeleitet werden, um Risiken zu minimieren: Keine Bibliotheken in Dachstühlen, keine Bauarbeiten unter Archivgebäuden. Selbst wenn am konkreten Ort keine Gefahr zu bestehen scheint. Wir können weder die Natur noch die Schwerkraft beherrschen, aber wir sollten sie auch nicht herausfordern.

Von Edelsteinen und URLs

Literaturanfall fragt etwas weiter unten, wie ich die Social Bookmarking-Links unter meine Artikel zaubere, und ich dachte mir, dass es mit Blick auf die Lektion 10 der 13 Dinge gar nicht so unsinnig wäre, die Antwort in einen eigenen Artikel zu packen.

Diese „(Edel)steine“, wie Literaturanfall sie nennt, machen es möglich, einzelne Artikel in einem Social-Bookmarking-Konto hinzuzufügen. Um die Buttons zu erzeugen, braucht es ein kleines Progrämmchen, das leider nur auf Windows-Rechnern läuft und von einem WordPress-Blogger geschrieben wurde. Die erste Veröffentlichung gibt es hier, auf die Version 1.01 wird ganz unten im Artikel verlinkt, ich habe allerdings bereits Version 1.02 — keine Ahnung woher. Ich würde vermuten, dass das Programm sich selbst geupdated upgedated erneuert hat.

Ein anderer Blogger hat eine Anleitung dazu geschrieben und ein Online-Tutorial erstellt, ein weiterer findet nichts zu meckern und dieser war offenbar kreativ und hat im HTML rumgefummelt.

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Mein persönliches Weihnachtswunder

Es begann eine Woche vor Heiligabend mit der E-Mail eines Profs, die ein Telefonat und die wahrscheinlich schnellste Bewebung meines bisherigen Lebens nach sich zog. Es folgten Wochen des Zitterns, des Pendelns zwischen Euphorie und Resignation und auch des Zweifelns. Und es folgten zwei Reisen, zwei Gespräche und erneutes Zittern, bis es heute in einem Telefonat mit den Worten „wir haben uns für Sie entschieden“ seine Vollendung fand.

Nun muss ich selbst ein Wunder vollbringen und binnen zwei Wochen mein Leben einige Kilometer weit nach Süden verlegen. Keine Ahnung, wie das gehen soll…

In „meiner“ Stadtbibliothek

Nein, nein, bei ihm müsse ich meine Karte nicht raussuchen, sagte der Bibliothekar, der mir schon seit Monaten eine Information liefern will, damit ich wiederum ihm seine Frage von vor einem Jahr beantworten kann. Er nahm ein Buch zurück, verlängerte meine Vorlagen, schaute in mein Konto und kommentierte, wie das so seine Art ist, dass die eine CD so gar nicht seinem Bild von mir entspräche.

Er schien ein wenig zerknirscht, als er mir sagte, dass da Gebühren angefallen seien, und meine eiskalten Münzen in seiner Hand ließen uns noch ein wenig über die Temperaturunterschiede in den verschiedenen Teilen Deutschlands plaudern.

Es kommt viel zu selten vor, dass ich lächelnd und gut gelaunt eine Bibliothek verlasse, und umso mehr freue ich mich, wenn es doch mal dazu kommt.

Schon ein bisschen traurig

Aus gegebenem Anlass beschäftige ich mich gerade mit den RNA und frage mich, ob es denn in meiner heißgeliebten StaBi niemanden mit ausreichend HTML-Kenntnissen gibt, um Links und Anker richtig zu setzen: <klick>

Konwitschnys Puppentheater

Così fan tutte, Komische Oper, Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys Inszenierung aus 2005.

Konwitschny ist ein ganz Großer, wurde mir gesagt, wenn auch nicht in dieser Formulierung, und jetzt glaube ich es selbst. Die Kritiker nach der Uraufführung hatten natürlich einiges zu meckern – Kritik bedeutet heute offenbar nur noch zu sagen, was schlecht gewesen ist.

Schon während der Ouvertüre gibt es was zu lachen. „So machen’s alle“ verkündet ein Schild vor dem Bühnenvorhang. Ein kleineres „Frauen“ schiebt sich darunter, wird von einem Schild „Männer“, von einer Hand mit langen roten Fingernägeln gehalten, überdeckt, es  gibt eine Rangelei. Es tauchen weitere Schilder auf: „Schweine“, „Zicken“, „Festplatten“, „Mehrwegflaschen“, „Krokodilinnen“ und andere mehr. Es wirkt übertrieben, und ich denke, das soll es auch: So machen’s alle, und alle werfen es sich gegenseitig vor  — wozu also groß darüber reden?

Dann geht es los: Die zwei Männer, gegeneinander austauschbar, mal abgesehen von den Stimmen. Die zwei Frauen, ebenso gegeneinander austauschbar, mal abgesehen von den Farben ihrer Rokokokleider. Man handelt gleich, man denkt gleich. Alle haben sie den jeweiligen Partner in Form eine Stoffpuppe bei sich, als regloses Objekt, das man lieben oder beiseite packen kann, und das dennoch bleibt, wie es ist.

Konwitschnys Bühnenbild ist bunt, plastisch, naiv, und es hält sich im ersten Akt an die Vorgaben des Librettos. Don Alfonso und die Männer schließen ihre Wette im Café ab, die Frauen lustwandeln im Garten, und dort täuschen auch die Männer ihren Selbstmordversuch vor. Den Bühnenhintergrund bilden Schäfchenwolken auf blauem Himmel, und wenn man genau hinsieht, nehmen sie auch das Bühnenbild ein — man befindet sich in einer Traumwelt, vielleicht im siebten Himmel oder auf Wolke Sieben, wenn es da überhaupt einen Unterschied gibt. Es geht jede Menge Glas und Porzellan zu Bruch — ein Zeichen, dass die Realität eben keine heile Welt ist. Im zweiten Akt ist es aus mit der Treue, auch mit der zur Vorlage. Die Bühne ist ein Cerankochfeld, die fünf Platten glühen und stoßen Rauchwölkchen aus, je nachdem, wie heiß es hergeht.

Konwitschny hilft beim Hören, beim Verstehen. Er arbeitet mit Positionen und Bewegung, mit Licht und Bühnendonner. Er folgt der Musik und choreographiert sie — wo sich Mozart wiederholt, tut es auch Konwitschny und wer es nicht hören kann, der kann es doch sehen und vielleicht dadurch wiederum auch hören.

Konwitschny hält — in Così nicht zum ersten Mal — die Oper an und lässt bei vollem Saallicht diskutieren. Wer heiratet nun eigentlich wen? Der Sänger-Darsteller des Don Alphonso hat den Faden verloren, das Libretto nennt keine Namen. Die Solisten sind sich nicht einig, zwei Chormitglieder streiten, wessen Kind da im Bauch der Kollegin heranwächst, Ferrando und Guglielmo wollen schließlich einander heiraten („Und das ist auch gut so“ kommentiert einer der beiden, ein Schlagwort das in Berlin immer noch funktioniert) und schließlich stellt man fest, dass das ja auch alles egal ist, dann heiratet eben jede(r) jede(n).

Kaum steigerbare Publikumsnähe zum Schluss: Die Solisten begeben sich während des Schlusschorals Fortunato l’uom che prende mit Gläsern aus echtem Glas und echter Füllung in die erste Reihe, drücken sie sechsen der dort zufällig Sitzenden (darunter auch mir) in die Hand und singen die letzten Zeilen von dort aus. Das war Oper nach meinem Geschmack.

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